Die Varietät der Linguistik und der Comic Werner - Beinhart

Die Varietät der Linguistik im Zeichentrick

Stereotypen in der Kneipenszene von „Werner – Beinhart!“

Ich bin mit den Comics und Filmen von Rötger Feldmann aufgewachsen, besonders den ersten Teil Werner – Beinhart! kenn ich in- und auswendig. Ich habe den Eindruck, da bin ich nicht der Einzige. Anscheinend kennen sehr viele diesen Film und die wichtigsten Zitate.
Ein Freund von mir renoviert beispielsweise zurzeit sein Haus, gerade hier sind Sätze wie Samma, tut das not, dass der hier so rumoxidiert, Gäf mir mol de Täng oder So hätt´ich nicht gewettet essenziell. In den Raum geworfen wird das Gespräch unmittelbar auf derselben Ebene fortgeführt.

Meine Lieblingszene in Werner – Beinhart! ist die Kneipenszene (die letzte Comicszene im Film).

Die beiden Protagonisten, Werner und Andi, betreten eine Wirtschaft in Berlin. Der Wirt kommt zu den beiden und fragt nach der Bestellung, worauf die beiden zwei Mal Bier mit Erdbeerjoghurt bestellen, kurz darauf bestellen sie Zucker-Ei. Dem Berliner Wirt sind diese Dinge nicht geläufig, wodurch die Getränke misslingen. Parallel dazu spielen drei Gäste Karten. Es kommt kein rechtes Spiel zustande, da die Spieler sich gegenseitig missverstehen. Zum Ende der Szene kommen einige Rocker in die Kneipe und bestellen Sechs Mal Saft. Der Wirt fragt, welche Sorte Saft gewünscht ist. Dabei kommt es zu einer Verwechselung, einer der Rocker bekommt deswegen einen Wutanfall, der in der Zerstörung der Wirtschaft mündet.

So was lässt sich halt schwer beschreiben. Am besten kann man sich die Szene selber angucken, für 2,99 Euro kann man den Film bei Amazon Video leihen (https://www.amazon.de/dp/B00JIRP2FO). Die Meisten werden die Szene eh kennen.

Die drei Dimensionen der Varietät

Die Linguistik, die Wissenschaft der Sprache, kennt viele verschiedene Theorien und Ansätze. Hier möchte ich besonders das Modell der Varietät vorstellen. Die Theorie, die von Eugenio Coseriu begründet wurde, teilt eine Sprache in drei Dimensionen:

  • Diaphasische (in Bezug auf den kommunikativen Kontext)
  • Diastratische (in Bezug auf die Gesellschaftsschicht)
  • Diatopische (geografischer Bezug)

Heißt: Es gibt nicht das eine Deutsch, sondern unsere Sprache teilt sich in nahezu unbegrenzt viele Einzelsprachen auf. In vielen Feinheiten sind diese Einzelsprachen unterschiedlich, obwohl sie doch alle auf der deutschen Sprache basieren. Diese Unterschiedlichkeit nennt man Varietät.

Nach Coseriu kann eine Sprache auf drei verschiedenen Ebenen variieren, jede von ihnen beeinflusst und prägt die jeweilige Einzelsprache.

Der geografische Bezug umfasst Dinge wie Dialekte oder regionale Unterschiede in der Sprache. Die Gesellschaftsschicht hat natürlich auch Einfluss auf die Sprache, Beispiele hierfür sind Gossensprache oder die sehr gehobene Sprache der oberen Schicht. Zuletzt gibt es noch den eigentlichen Zusammenhang, in dem ein Gespräch stattfindet. Hier sind zum Beispiel Fachsprachen oder die Wortwahl von Juristen oder Medizinern zu erwähnen.

Was hat das Ganze mit Kommunikation zu tun?

Und vor allem: Was hat das mit Werner – Beinhart! zu tun?

Die drei Teile in der oben beschriebenen Szene haben eines gemeinsam: Die Gesprächspartner missverstehen sich, aber jedes Gespräch aus einem anderen Grund. In den drei Handlungssträngen spiegelt Feldmann die drei Dimensionen von Coserius’ Varietät wieder.

Diatopische Dimension

Die beiden Figuren Werner und Andi kommen aus Norddeutschland, wie aus der Rahmenhandlung des Films hervorgeht. Die komplette Handlung dieser Szene spielt aber offensichtlich in einem Berliner Lokal, das lässt sich anhand von zwei Aspekten festmachen: Zum einen hat der Wirt einen starken Berliner Akzent, zum Anderen zeigt der Einsturz des Hauses wohl eine Sprengung in Berlin-Schöneberg im Jahr 1966.

Somit prallen hier zwei Dialekte, nämlich das norddeutsche Platt und die berliner Schnauze aufeinander. Hinzu kommt noch, dass die Bestellungen Getränke sind, die auf norddeutsche Traditionen zurückführen, und somit in Berlin nicht bekannt sind:

  • Bier mit Erdbeerjoghurt ist ein fiktives Getränk, was auf die Hörspielreihe Die Arschkrampen (1989) vom Radio FFN aus Niedersachsen zurückgeht. Diese Serie findet ebenfalls in einer Schankwirtschaft statt, wo unter anderem auch ein Getränk namens Alster-E konsumiert wird – Bier mit Erdbeerjoghurt.
  • Zucker-Ei wurde in den Kriegs- und Nachkriegszeiten als kostengünstiger Puddingersatz verwendet. Eigelb wird mit Zucker schaumig geschlagen, der Geschmack ist Pudding recht ähnlich. Während es in West- und Norddeutschland unter Zuckerei bekannt ist, wird es in Berlin ehr Goggelmoggel genannt (dieser Name kommt aus dem osteuropäischen Sprachraum)

Die unterschiedlichen Dialekte machen eine sinnvolle Kommunikation in dieser Situation nicht möglich. Beide Parteien sind mit dem Ergebnis der Konversation nicht zufrieden, es ist ein Scheitern auf der diatopischen Ebene.

Diaphasische Dimension

In dem zweiten Handlungsstrang spielen drei Personen Karten. Offensichtlich handelt es sich hierbei um das Kartenspiel Skat. Generell sind die Regeln von Skat recht komplex, und auch bei den Spielern beherrscht ein Mitspieler diese Regeln offensichtlich nicht, da er skattypischen Phrasen nicht interpretieren kann:

  • Hosen runter! ist unter Skatspieler ein Ausdruck, der gerne gesagt wird, wenn der Alleinspieler einen Trumpf legt. Da Trumpf bedient werden muss, müssen sich die Gegenspieler sozusagen offenbaren, welche Trümpfe sie auf der Hand haben. Der Gegenspieler versteht das aber wörtlich und zieht seine Hose runter.
  • Du musst übernehmen: Gemeint ist, dass der Spieler stechen und somit den Stich übernehmen, also für sich gewinnen, soll. Anstatt eine hohe Karte zu legen übergibt sich der Spieler jedoch selber.
  • Ich hör was ist eine dezente Ansage des Hörers zu Beginn des Reizens, dass derjenige Spieler, der an der Reihe ist, sein Gebot sagen soll – beim Skat ist die Rollenverteilung beim Reizen im Uhrzeigersinn geben, hören, sagen. Anstatt ein Gebot, zum Beispiel 18, abzugeben, sagt er nur Ich höre nix. Sein Mitspieler klärt ihn auf: DU musst was sagen.

Auch wenn ihr die Skatregeln nicht beherrschen (und das eben nicht wirklich verstanden haben) wird euch klar geworden sein: Mindestens ein Spieler hat klare Defizite im Spielablauf und kann einfach kein Skat spielen. Er versteht seine Mitspieler nicht, weil diese in einer Fachsprache reden. Ähnlich wie in der Medizin oder der Wissenschaft hat man keine Chance zu folgen, geschweige denn mitzuwirken, wenn man die Fachtermini und das nötige Hintergrundwissen nicht mitbringt. Das Spiel kommt nicht recht in die Gänge, da sich die Protagonisten auf einer unterschiedlichen Ebene der diaphasischen Dimension der Varietät befinden.

Diastratische Dimension

Im letzten Abschnitt betritt eine Gruppe Rocker das Lokal. Diese Personen sind schon aus der vorherigen Handlung des Films bekannt und spiegeln ehr das untere Ende der Gesellschaft wieder: Sie verstoßen gegen Gesetze, haben einen Holzverschlag als Clubheim und machen ihre eigenen Regeln. Alle sechs Personen bestellen Saft. Hier sollte jedem klar geworden sein, dass die Rocker keinen Fruchtsaft trinken wollen, sondern Bier. Saft steht hier als Euphemismus für Bier, ähnlich wie der Ausdruck Gerstensaft. Weiter sprechen die Biker einen harten Soziolekt, der schnell ins Beleidigende und Gewalttätige umschlägt (Ich sag das nicht gerne zwei Mal! oder Ich hau dir die Kartoffel vom Hals!).

Den Wirt hingegen kann man der Mittelschicht zuordnen. Er führt eine kleine Wirtschaft in Berlin und bleibt selbst bei Beleidigungen noch höflich, bietet sogar trotzdem noch alternative Säfte an. Unter Saft versteht er selbstverständlich Fruchtsäfte. Er hat keine Chance, die Bestellung zufriedenstellend durchzuführen.

Dieser Gegensatz zeigt die diastratische Dimension der Varietät auf. Gesellschaftlich befinden sich die Gesprächspartner auf einem unterschiedlichen Niveau. Die Art, wie die Rocker ihre Gespräche führen, ist mit dem Niveau des Wirts nicht vereinbar. Eine harmlose Verwechselung lässt die Situation eskalieren.

Fazit

Die Werner-Filme und -Comics werden oft als als Fäkalhumor mit wenig Witz und Tiefgang abgetan. Über Humor lässt sich bekanntlich streiten, nicht aber über die Tiefe. Ich halte diesen Film für ein Meisterwerk, der viel mehr Hintergrund hat, als viele denken. Er ist viel mehr als der einfache Comic, für den ihn viele halten. Was können wir also aus dieser Szene lernen?

Nicht erst seit Watzlawick wissen wir: Bei jeder Art von Kommunikation ist nicht nur die Botschaft wichtig, sondern auch der Empfänger. Geht auf eure Gegenüber ein, und versetzt euch in seine Lage: Hat er überhaupt eine Chance, mich zu verstehen? Die selbe Nachricht kann je nach Empfänger durchaus komplett anders aussehen. So schafft ihr es nicht nur, dass eure Botschaft richtig verstanden wird, sondern ihr vermeidet auch Konflikte.

Und wenn Ihr mal in eine Berliner Kneipe kommt, bestellt halt einfach ein Bier – das sollte doch überall richtig verstanden werden 😉. Zuletzt noch ein persönlicher Tipp von mir:

Bei Grand spielt man Ässe, oder hält die Fresse.

Dieser Artikel ist auch auf Medium erschienen

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