Wörter und Ihre Bedeutung

„Im Azzlack-Duden hängt euer Bild“

Über die Entwicklung von Wörtern

Ich bin gestern Bahn gefahren. Unmittelbar neben mir saßen zwei Kinder Jugendliche, nächste Station stieg ein weiterer ein. Dieser Junge, der offensichtlich zu den anderen gehörte, ging schwungvollen Schrittes, cool mit dem Kopf wippend, zu den anderen. Einer der anderen Jungen kommentierte das mit

Schau mal, der mit seinem Kopf wie so `n Hurensohn

Das machte mich stutzig. Ich kenne keine Kinder von Prostituierten, weder Söhne noch Töchter. Aber ich meine zu wissen, das diese Leute keine besondere Art der Bewegung haben, die eindeutig dieser Personengruppe zuzuordnen wäre.
Hätte er gesagt:

Schau mal, der mit seinem Kopf wie so `n Spast

– das hätte ich verstanden. Obwohl es Spastikern gegenüber abwertend wäre kommt es doch bei Personen, die unter einer Spastik leiden, vor, das ungewohnte Bewegungen, auch mit dem Kopf, gemacht werden.

Aber bei Hurensöhnen…

Spaß beiseite.

Vor einigen Monaten hörte ein Kollege von mir ein Song von dem Musiker Akut Anhan. Der Mann tritt unter seinem Künstlernamen Haftbefehl als Rapper auf, über eine Textzeile bin ich besonders gestolpert:

Ihr Hurensöhne, im Azzlack-Duden hängt euer Bild

Wer oder was zur Hölle ist ein Azzlack? Und warum haben die einen eigenen Duden? Wie man mir mitteilte ist Azzlack ein Kunstwort und steht für „Assozialer Kanake“. Vor 15 Jahren hätte man wohl gesungen:

Schlag mal im Lexikon Arschloch nach, da haben sie ein Bild von dir abgedruckt.

All das nehme ich zum Anlass mich mit der Bedeutung von Wörtern und Ihrer Veränderung im Laufe der Zeit auseinanderzusetzen. Das Wort Hurensohn ist offensichtlich ein gefragtes Wort, aber nicht neu. Bereits im 18. Jahrhundert war es ein etabliertes Schimpfwort. Prostitution galt als unehrenhafter Beruf, als Hurensohn stammt man damit aus einer geächteten Familie und konnte keinen Stammbaum nachweisen. Schon die Gebrüder Grimm hätten die Beleidigung verstanden, hätte man sie als Hurensöhne bezeichnet.

Manche Wörter aber verändern ihre Bedeutung über die Jahre. Interessant dabei ist, das sich manchmal die Bedeutung sogar genau ins Gegenteilige dreht:

Kanake

Als Kanake bezeichnet man abwertend einen Menschen mit südländischem Aussehen. Das Wort selber stammt aus dem hawaiischen (kanaka) und bedeutet schlicht Mensch. Die Menschen aus Polynesien und Ozeanien waren für Ihre gute Arbeit als Seemänner bekannt, deshalb war es im 19. Jahrhundert eine Ehre, als Kanake bezeichnet zu werden – auch für Europäer. Besonders fähige und treue Seemänner wurden mit diesem Titel ausgezeichnet.

Sehr

Das Wort sehr kommt heute noch in der Formulierungen versehrt vor. Es bedeutet nichts anderes als verletzt oder beschädigt. Im Laufe der Jahre hat sich der Begriff von seinem negativen Image zu einem positiveren gemausert: Heute wird es zur Steigerung von Verben verwendet, etwa wie sehr Schnell.

Toll

Ähnlich ist es mit dem Wort toll, heutzutage als Superlativ verwendet um seine Freude über etwas auszudrücken (das ist ja toll! oder tolles Wetter heute!). Aber uns noch bekannte Wörter wie Tollwut oder Tollkirsche lassen ahnen, das damit früher verrückt, schizophren oder geistesgestört gemeint war. Vermutlich sind es Redewendungen wie Ich werde toll!, also Ich werde verrückt! (wenn etwas Außergewöhnliches passiert), die die Bedeutung haben umkehren lassen.

Ficken

Das Wort ficken ist heute negativ besetzt. Als obszönes Wort für Geschlechtsverkehr, häufiger wird es jedoch in allerhand negativen Formulierungen verwendet wie Fick dich oder Da hab ich dich hart gefickt, also erniedrigt. Bei der Entstehung des Wortes war es jedoch neutral. Es stand für etwas einstoßen, oder auch etwas hin- und herbewegen. Ein Burgtor im Mittelalter wurde zum Beispiel gefickt, ebenso fickte man Schuhe (wenn man sie polierte). Da liegt die Benutzung für Geschlechtsverkehr nahe.

Auch wenn wir es vielleicht nicht mehr erleben, es ist doch interessant zu beobachten wie sehr sich Wörter unter kulturellem und sozialem Einfluss verändern. Vielleicht singt ja einer in ein paar Jahrzehnten:

Sohn eines Finanzbeamten, ein Foto von dir ist bei Wikipedia mit Hipster getaggt.

Quellen:
[https://www.youtube.com/watch?v=MDJi8Qo2nck]
[https://de.wikipedia.org/wiki/Hurensohn]
[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanake_(Schimpfwort)]
[https://de.wiktionary.org/wiki/sehr]
[https://de.wiktionary.org/wiki/toll]
[http://archiv.radio-cottbus.de/cms/index2.php?option=com_content&do_pdf=1&id=4647]

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