Blockchain won’t save the world

Blockchain won’t save the world

Blockchain scheint in Zukunft eine bedeutende Technologie zu sein – zu recht?

Die Technologie-Welt hat einen neuen Messias. Blockchain wird die Welt radikal verändern und ein neues Zeitalter herbeirufen:

  • Blockchain ersetzt Grundbuch und Notare [^1]
  • Blockchain revolutioniert die Politik [^2]
  • Blockchain verändern Verträge [^3]
  • Blockchain löst die Datenschutz-Probleme [^4]

Ein sehr bedeutender Schritt in der Menschheit. In etwa gleichzusetzen mit der Erfindung des Rads oder der Entdeckung des Feuers. Amen.

Ich bezweifele, das viele der Bewunderer und Redakteure die Probleme überhaupt richtig verstanden haben.

Was ist Blockchain?

Also von Anfang an: Blockchain ist ein dezentrales Register, in dem Datensätze gesichert werden. Die Integrität ist jeweils durch den vorherigen Eintrag abgesichert. Es ist also eine Theorie, oder vielmehr ein Modell [^5].

Die erste und bekannteste Blockchain ist die von Bitcoin. An diesem Beispiel lässt sich das Prinzip gut erklären:
Bitcoin ist eine digitale Währung. Alle Überweisungen, die mit Bitcoins getätigt werden, werden in der Blockchain festgehalten. Jeder kann sehen, wer wieviel wohin überweist. Das Ganze ist in Form eines Registers aufgebaut, die einzelnen Überweisungen sind chronologisch sortiert, ähnlich wie ein Stapel Papier. Bei jeder Überweisung kommt ein Blatt oben drauf. Vorher wird die Richtigkeit noch durch ein komplexes Verfahren überprüft und der Block durch eine Prüfsumme mit dem vorherigen verbunden. Das Ganze ist nicht irgendwo auf einem zentralen Server gespeichert, sondern *dezentral*. Unzählige Kopien existieren auf vielen Rechnern gleichzeitig, manipulieren oder löschen der Blockchain ist quasi unmöglich. Die Sender und Empfänger der Überweisungen werden anonym gespeichert, man sieht nur einen kryptographischen Schlüssel anstatt Namen im Klartext [^6].

Zusammengefasst heisst das also: Die Daten sind chronologisch und dezentral gespeichert und vor Manipulationen geschützt.

(Alle Informatiker bitte ich vorab schon um Entschuldigung. Durch die vereinfachte Erklärung ist es technisch nicht komplett korrekt, würde aber den Rahmen dieses Blogs sprengen.)

Warum ist das so innovativ?

Die Blockchain selbst dient als Notar. Im Beispiel Bitcoin ist jede Transaktion beglaubigt und ummanipulierbar in der Blockchain eingetragen. Das funktioniert nicht nur mit Transaktionen, sondern theoretisch mit allem. Honduras hat zum Beispiel sein Grundbuch schon auf das Blockchain-Prinzip umgestellt; ein britisches Wissenschaftsbüro regte an, Blockchain für ein betrugssicheres Steuersystem zu nutzen. Ebenfalls interessant ist der Ansatz für den Datenschutz. Benutzerdaten wären frei verfügbar, aber komplett anonym.

Bei allem, wo Daten manipulations- und fälschungssicher gespeichert werden müssen, ist das Prinzip theoretisch interessant.

Soweit die Theorie…

Funktioniert das? Ja und Nein. Es gibt einige Beispiele die gezeigt haben, das das System durchaus Schwachstellen hat:

Mt.Gox

Mt.Gox war die größte Handelsplattform für Bitcoins, noch im Jahr 2013 liefen 60% des weltweiten Bitcoin-Handelsvolumens über das Portal. Nach zahlreichen Vorfällen (einem Hackerangriff und einem Einbruch, bei dem Bitcoins gestohlen wurden) meldet das Unternehmen Insolvenz an. Man geht davon aus, das Personen aus der Führung des Unternehmen sich selbst im großen Stil bereichert haben. Insgesamt gingen 650.000 Bitcoins verloren, größtenteils aus Kundeneinlagen [^7].

The DAO

The DAO ist ein durch Crowdfunding finanziertes Projekt und stellt eine Investmentfirma dar, die ausschliesslich virtuell existiert: Es gibt keinen Firmensitz, keine Chefs und sie ist somit unangreifbar für Regulatoren oder Regierungen – soweit die Theorie.
Interessierte kaufen sich in die Firma ein, indem sie elektronische Token erwerben. Die wiederum repräsentieren Stimmrechte. Die Besitzer der Stimmrechte, also die digitalen Investoren, entscheiden per elektronischer Abstimmung welche Projekte die Firma mit dem gesammelten Geld unterstützt. Wie bei Bitcoin werden alle Transaktionen dieser internen Währung (Token) in einer Blockchain festgehalten.
Durch eine Sicherheitslücke in der Programmiersprache Solidity, in der die Blockchain der DAO geschrieben wurde, war es Angreifern Mitte 2016 möglich, einen Teil der internen Währung mit einem Gesamtwert von 3,6 Mio. USD zu entwenden. Wer der Angreifer war und ob das Geld wieder auftaucht ist bisher noch unklar [^8].

Na und?

Ich weiß was Sie jetzt sagen, nämlich das diese beiden Beispiele nicht das Prinzip der Blockchain an sich infrage stellen. Und doch zeigt es eines doch recht deutlich: Die Blockchain existiert nie für sich. Immer gibt es eine Infrastruktur, immer gibt es Instanzen – Firmen und Menschen – die in irgendeiner Form an dem Betrieb der Blockchain beteiligt sind. Die Blockchain selber brauch gar nicht zu versagen, es reicht wenn es die Infrastruktur drum herum tut.

Man darf nicht immer von dem Guten im Menschen ausgehen. Es wird immer Leute geben, die ummanipulierbare und sichere Systeme gar nicht wollen. Etwa beim Thema Datenschutz, warum sollte Facebook auf Blockchain umstellen? Das Unternehmen lebt davon, dem Kunden individuelle Werbeanzeigen, abgestimmt auf das jeweilige Benutzerprofil, anzubieten. Man würde sich selber seine Haupteinnahmequelle vernichten, wenn man keine offene Einsicht mehr in die Daten hätte.

Die Wünsche der Konsumenten stehen oft im Gegensatz zu denen der Firmen und Organisationen. Solche Technologien müssen natürlich von Unternehmensseite gefördert und eingeführt werden, aber warum sollten die das freiwillig tun? Das Modell der Blockchain bedeutet auch immer Kontrollverlust. Wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand werden sich viele Firmen (und auch Regierungen) nicht die Möglichkeit verbauen wollen, zur Not doch einige notwenige Anpassungen durchzuführen.

Fazit

Das komplett angriffssichere System wird es nie geben. Menschen mit dem technischen Wissen und noch mehr krimineller Energie werden immer einen Weg finden, um Technologien zu hacken oder zu sabotieren. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich unterstütze den technischen Fortschritt, und Blockchain wird in der Zukunft definitiv eine Bedeutung haben. Aber manchmal bin ich halt auch froh wenn noch eine reale Person als Ansprechpartner in der Verantwortung ist. Und nicht ein autonomes, dezentrales System.
1: http://www.lto.de/recht/kanzleien-unternehmen/k/blockchain-trend-legal-tech-innovation/
2: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Demokratie-in-Bloecken-die-Blockchain-als-Politikinstrument-3083219.html
3: https://irights.info/artikel/schlaue-vertraege-blockchain-technologie-befluegelt-die-entwickler-phantasien/26991
4: http://www.heise.de/ix/meldung/Acronis-will-Datenschutz-durch-Blockchain-3226496.html
5: https://de.wikipedia.org/wiki/Block_Chain
6: https://de.wikipedia.org/wiki/Bitcoin#Block_Chain
7: https://de.wikipedia.org/wiki/Mt.Gox
8: http://www.zeit.de/digital/internet/2016-06/the-dao-blockchain-ether-hack

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