Ein Appell gegen Clickbaiting

Nennt Ihr das wirklich Journalismus?

Ein Appell gegen Clickbaiting

Guter Journalismus zeichnet sich auch durch Neutralität, Sachlichkeit und guter Recherche aus. Aber in den letzten Monaten musste ich immer öfter feststellen, dass es da anscheinend auch andere Meinungen gibt.

Von Print zu Web

Der Absatz von klassischen Printmedien wie Zeitungen ist schon lange rückläufig, Onlineangebote graben den Verlagen das Wasser ab. Aber auch wenn jede Zeitung inzwischen ihr eigenes Internet-Portal hat, ist es doch schwer, den Umsatz ins Internet zu transferieren.
Dabei sind Aufrufe und Nutzerzahlen eine echte Währung. Durch mehr Leser können Werbeanzeigen zu einem höheren Preis verkauft werden, da mehr Reichweite erzielt wird.
Paid Content (oftmals können Nachrichten umsonst gelesen werden, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt muss gezahlt werden. Entweder beim Aufruf von Premium-Artikeln oder wenn eine bestimmte Anzahl Artikel erreicht ist) stellt ein alternatives Finanzierungskonzept da, das jedoch von den Benutzern eher zögerlich angenommen wird. Ausserdem muss man auch hier erstmal den Kunden, zum Beispiel durch die frei verfügbaren Artikel, von seiner Qualität überzeugen. Sind die wirklich ihren Preis wert?

Wo wir genau beim Thema wären. Gefragt sind möglichst einzigartiger Content, spektakuläre Nachrichten und möglichst viel Mehrwert für den Kunden.
Das Problem: Die meisten Verlage greifen auf dieselben Presseagenturen zurück, exklusive Inhalte sind da eher selten.

Warum nicht einfach selber Content generieren?

Clickbaiting

Ein Clickbait besteht in der Regel aus einer reißerischen Überschrift, die eine sogenannte Neugierlücke (englisch curiosity gap) lässt. Sie teilt dem Leser gerade genügend Informationen mit, um ihn neugierig zu machen, aber nicht ausreichend, um diese Neugier auch zu befriedigen, ähnlich einem Cliffhanger.

Ein Beispiel gefällig?

Eine Mutter wollte mit Ihrem Kind einkaufen gehen. Doch was dann geschah hätte wohl keiner vermutet…

Wahrscheinlich lässt das Kind ein Lolli fallen oder Ähnliches. In den seltensten Fällen stecken wirklich lesenswerte Artikel dahinter. Wie auch? Wäre es eine wirklich relevante Nachricht, hätte man es wahrscheinlich auch schon auf anderen Portalen oder in Socialmedia gelesen. Der BILDblog hat sich die Mühe gemacht und nur einige wenige dieser Artikel (in diesem Fall sogar von einer einzigen Nachrichtenseite) dargestellt:

http://www.bildblog.de/78345/fuer-sie-geklickt-3/

Viele Nachrichtenseiten greifen zu diesem Mittel. Bild und Express sind natürlich dabei, aber auch vermeintlich renommiertere Vertreter wie Focus Online, Die Welt oder Huffington Post bringen solche Artikel. Natürlich nicht in derselben Regelmäßigkeit, aber er kommt vor.

Das Ganze gibt es auch in abgeschwächter Form. Vermeintliche Ratgeber für eine bessere Gartenparty, ein besseres Sexleben oder den Test, ob ich wirklich ein Alkoholproblem habe. Diese Tipps und Tests wären zwar sinnvoll, aber selten werden hier wirklich neue Erkenntnisse aufgezeigt, ebenso wird die Thematik oft sehr einseitig betrachtet und Testergebnisse sind wissenschaftlich nicht annähernd haltbar. Auch Spiegel Online und Süddeutsche Zeitung sind hin und wieder für solche Artikel gut.

Es mag sein, dass dies alles tatsächlich einige Besucher mehr bringt, aber auf lange Sicht geht es nach hinten los – die Reputation der Zeitung nimmt dadurch ernsthaft Schaden. Sinnvoller wäre es mit guten Recherchen, Schnelligkeit oder Beleuchtungen von unterschiedlichsten Seiten zu glänzen. Das ist nachhaltiger, aber geht vielen vermutlich zu langsam. Mehr Aufwand ist es obendrein auch noch.

Auch der Journalismus hat seine Ethik (auch Pressekodex genannt), und die sieht unter anderem Folgendes vor:

  • Trennung von Werbung und Redaktion
  • Keine Sensationsberichterstattung und Jugendschutz

Oft wird dieser Kodex wohl zu weit ausgelegt.

Fazit

Mir ist schon klar, dass jedes Angebot auch wirtschaftlich arbeiten muss, deshalb rechtfertigt oft auch das Geld die Mittel. Trotzdem darf nicht vergessen werden: Der Content macht den Unterschied. Es gibt Newsseiten, die uns zeigen, dass es auch anders geht: Tagesschau.de leistet hier eine ausgezeichnete Arbeit – ohne Finanzsorgen, finanziert durch unseren Rundfunkbeitrag.

Dieser Artikel ist auch auf Medium erschienen.

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